Von Annika Rausch, Lauterbacher Anzeiger vom 24.09.2026
Nach dem Rückzug von tegut droht dem einzigen Laden in Stockhausen die Schließung. 400 Anteile à 100 Euro müssen bis zum 21. Oktober gezeichnet sein – sonst ist das „Lädchen” weg.
Stockhausen – „222 Menschen haben schon Anteile für unseren Tante-Enso-Laden gezeichnet. Das ist ein Riesenerfolg und macht mich sehr stolz“, leitete Herbsteins Bürgermeisterin den Info-Abend ein. Die Fortführung des Einkaufsmarktes im Herbsteiner Stadtteil Stockhausen ist nach dem Rückzug vom Partner tegut keinesfalls selbstverständlich.
Das „Lädchen“ wird betrieben von der inklusiven „Gemeinschaft Altenschlirf“. Deren Geschäftsleiter Christian Bachmann machte an diesem Abend deutlich: „Für uns allein wäre der Laden ein Minusgeschäft.“ Wenn kein neuer Partner gefunden werde, stehe die Schließung bevor.
Die voll besetzte Mehrzweckhalle zeigte allerdings deutlich, dass es ein großes Interesse an der Fortführung gibt. „Die Ortsgemeinschaft hat sich sehr eingebracht. In den vergangenen Wochen ist wahnsinnig viel passiert“, lobte die Bürgermeisterin das Engagement des Ortsbeirates und der gesamten Bevölkerung. Da sieht auch Tante Enso so und geht sogar in Vorleistung: Die Kampagne, in der die 400 Anteile à 100 Euro gezeichnet werden müssen, läuft bis zum 21. Oktober. Thomas Gutberlet, Geschäftsführer von Tante Enso, versicherte aber: „Da tegut schon zum 12. Oktober schließt, steigen wir früher in den Kooperationsvertrag ein, gehen ins Risiko und liefern bereits vor Kampagnenende, denn wir gehen davon aus, dass wir die 400 Anteile oder mehr sicher zusammenbekommen.“
Tante Enso ist ein Nahversorgungskonzept für den ländlichen Raum, das auf Genossenschaftsbasis funktioniert, und kommt in Gemeinden, die keine Einkaufsmöglichkeit haben oder wo eine Marktlücke droht, wie es in Stockhausen der Fall ist. „Wir machen das, wenn die Bevölkerung sagt: ‚Wir wollen das‘“, brachte es Thomas Gutberlet auf den Punkt. Die Märkte sind rund um die Uhr geöffnet; es gibt die üblichen Öffnungszeiten, außerhalb kann mit Karte eingekauft werden. „Die Umsätze des 24/7-Modells sind für solche Lösungen essenziell“, erläuterte Gutberlet weiter. Der Standort werde von Rewe beliefert – und zwar zu denselben Preisen wie in den eigenen Filialen, verspricht Enso. Geboten werden mindestens 3.000 Artikel, ergänzt durch lokale und regionale Lebensmittel. „Und für jede 100 über dem Ziel erhält Stockhausen im Aktionszeitraum 500 Euro Dorfbonus.“
Wer mithelfen möchte, dass das „Lädchen“ in Stockhausen erhalten bleibt, kann einen Anteil bei Tante Enso kaufen. Ortsvorsteher Jonas Domaschka erklärte: „Wir liegen an einer Durchgangsstraße mit einem großen Einzugsgebiet. Um die 400er-Marke zu erreichen, zählen daher auch Anteilseigner aus dem Postleitzahlengebiet von Lauterbach, Lautertal, Hosenfeld, Großenlüder und natürlich von Herbstein.“ Die 100 Euro pro Anteil sind einmalig zu bezahlen und müssen mindestens ein Jahr gehalten werden.
Anteilseigner bekommen pro Anteil jährlich ein Fünf-Euro-Einkaufsguthaben, zwei bis vier Prozent Rückvergütung auf jeden Ankauf – abhängig von der Höhe der Anteile – und besondere Vorteile bei Sonderaktionen. „Mit einem Tante Enso gibt es nicht nur einen Handel im Ort, bei dem es auch um Kontakt und Begegnung geht“, bewarb Thomas Gutberlet die soziale Komponente. Tante Enso sponsere zudem beim Erreichen bestimmter Umsatzziele quartalsweise einen guten Zweck im Ort mit 400 Euro – über die Verwendung können die Anteilseigner abstimmen. Vereine bekämen Rabatte und Ware auf Kommission, ferner seien auch weitere Serviceangebote im Geschäft denkbar. „Sie können mitbestimmen“, betonte der Enso-Geschäftsführer – und ließ gleich Taten folgen. So konnten die Gäste in Stockhausen direkt an diesem Abend abstimmen, ob „ihr“ Tante Enso in Schweden-Rot, Gelb oder in einem bläulichen Ton gestaltet werden soll. Von den rund 150 Personen entschied sich die Mehrheit für Rot.
Die Dorfgemeinschaft hat einen kurzen Werbefilm produziert, mit dem sie für den Erhalt ihres „Lädchens“ als Tante Enso wirbt. Zu sehen ist dieser im Internet auf der Seite von Tante Enso oder direkt bei YouTube. „Teilen Sie den Film, um für Ihr Anliegen zu werben“, riet Gutberlet. Doch die Stockhäuser sind in Sachen Werbung gut aufgestellt. „Es gab eine Ortsbeiratssitzung mit Vertretern aus anderen Gemeinden, wo wir informiert haben. Außerdem nutzen wir die digitalen Medien und Social Media“, bestätigt Ortsvorsteher Jonas Domaschka. Über die Stadt wurden Flyer flächendeckend verteilt. „Das ist keine Selbstverständlichkeit, dass der Laden bleibt“, daher engagiere nicht nur er sich, sondern werde von zahlreichen Helfern tatkräftig unterstützt. Es gibt sogar ein eigenes Patensystem, das bei Fragen und bei den Anträgen am Computer hilft.
„Nutzt es und macht Werbung dafür“, richtete sich Gutlerlet am Ende der Veranstaltung nochmals an alle. „Da ist nun jeder gefragt zu erkennen, was es bedeutet, wenn es hier keinen Laden mehr gibt.“ Auch Christian Bachmann meinte am Rande: „Das alles hat auch viel mit dem Kaufverhalten zu tun.“ Es geht also nicht nur darum, Tante Enso nach Stockhausen zu holen, das „Lädchen“ benötigt auch eine breite Basis, um sich in Zukunft zu tragen.
Die Halle war voll, der Andrang auf die Redner des Abends, auf die Paten und auf die Info-Materialien war definitiv groß. Die Zeichen stehen also gut, dass Stockhausen sein „Lädchen“ auch in Zukunft behalten wird.