Über Individualität, Gemeinschaft, die Kunst, sich gegenseitig zu verändern und das Interesse als Treibstoff dafür
Michael Oeder und Tobias Raedler
Im Mai dieses Jahres trafen sich Menschen aus verschiedenen anthroposophischen Lebensgemeinschaften und sozialen Einrichtungen in Litauen. Vom 13. bis 16. Mai fand in Camphill Akvila bei Kaunas die vierte internationale Tagung „Gemeinschaft im Gespräch“ statt, veranstaltet von der Sektion für Heilpädagogik und inklusive soziale Entwicklung am Goetheanum.
Wie es der Name der Tagung schon sagt, wurde dort viel miteinander gesprochen: über Gemeinschaft, über Inklusion, über Spiritualität, über das, was uns verbindet, und über das, was uns voneinander unterscheidet.
Michael Oeder und Tobias Raedler kamen dort miteinander ins Gespräch. Aus diesem Gespräch sind die folgenden Gedanken entstanden. Sie sind kein fertiges Konzept und auch keine Antwort auf die Frage, wie Gemeinschaft zu gelingen hat. Eher der Versuch, einem Bild nachzugehen, das uns seitdem weiter beschäftigt.
Michael: Ich bin ein Punkt und es gibt einen Umkreis. Ist das für Euch denkbar? Für mich ist es das. Könnt ihr mit so einem bildlichen Erklärungsversuch etwas anfangen? Bei mir ist es so: Wenn ich mich als Punkt erlebe, dann ist da zunächst einmal sehr viel außerhalb von mir: Himmel, Natur, Tiere, acht Milliarden Menschen. Die Welt ist so groß! Alles ist außer mir, wie abgetrennt. Vieles ist unverständlich, manches rational nicht nachvollziehbar.
Und ich bemerke, dass in mir Sorgen sind: Habe ich Interesse an diesem oft fremden Umkreis? Wer ist denn überhaupt mein Umkreis? Die Freunde, die Arbeit, die Nachbarschaft, die Welt, der Kosmos? Ach ja – und wer bin denn ich als Punkt? Wo ist mein Ort? Wer bin ich? Habe ich eine Lebensaufgabe? Will ich etwas? Warum will ich etwas? Will ich oder fühle ich? Und wie ticken eigentlich die anderen Punkte, die da auch noch sind? Möchte ich zum Umkreis gehören oder lieber nur zu mir? Jain. Oder doch eher ja? Etwas in mir will zu diesem, irgendwie doch fremden, manchmal auch bedrohlichem Gesellschaftsumkreis dazugehören. Aber wie kann das gehen? Ich bin doch ganz eigen, ganz Punkt bzw. ganz verletzliches Pünktchen?
Ich, Michael Oeder, lebe seit 45 Jahren in und mit anthroposophischen Sozialräumen. Als Landwirt habe ich mich mehr den Nöten der Natur zugewandt, als Sozialtherapeut mehr den Nöten der Menschen. In den -80er Jahren der Camphill-Dorfgemeinschaften haben wir damals gewissermaßen als Punkte, aus uns selber heraus, dasjenige gelebt, was heute vom politischen und gesellschaftlichen Umkreis gefordert wird: gleichberechtigte Teilhabe von allen Punkten oder Individuen, nach ihren Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Umkreisleben. Wir durften damals noch aus uns selbst Wege und Weisen zu diesem Ziel suchen. Wir durften irren, übertreiben, streiten, Gott suchen. Wir durften sogar Widersachermächte aus dem Dorf verbannen – Kassettenrecorder, Spülmaschinen und Fernsehgeräte, zum Beispiel.
Wir durften damals noch das Gemeinwohl oder ein Ideal über individuelle Wünsche stellen!
Der Pendelschlag der gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Werte hat wohl die Tendenz, von einem Extrem über die Mitte zu dem Gegenpol zu pendeln. Früher war es wichtig, dass man seiner Familie, seiner Handwerkergilde, seiner Nation treu dient. Heute wird die selbstbestimmte, individuelle Lebensgestaltung oft als das höchste Ziel und Gut bewertet. Jeder soll fähig sein, unbeeinflusst sein Wunsch- und Wahlrecht auszuüben und in der Welt der Werbung und Verführung seinen Weg zu gehen, selber seine Moral zu finden und sich zu „be-ichen“. Aber auch solche Ziele und Werte können zu Dogmen und Ideologien werden, wenn sie verordnet, kontrolliert und bei Nichteinhaltung sanktioniert werden.
Tobias: Als wir in Litauen darüber gesprochen haben, ist mir an Michaels Gedanken etwas aufgefallen. Vielleicht ist das Entscheidende an dieser Pendelbewegung nicht, dass wir irgendwann die richtige Mitte zwischen den beiden Polen finden. Denn auch die Mitte kann zu einem festen Ort werden, an dem wir uns einrichten. Früher war der Mensch stärker durch seinen Umkreis bestimmt. Heute soll er seinen eigenen Weg finden. Beides kann seine Berechtigung haben. Und beides kann einseitig werden. Der Mensch kann im Umkreis aufgehen. Er kann sich aber auch so stark als eigenständiger Punkt erleben, dass ihm der Umkreis nur noch als Einschränkung seiner Freiheit erscheint.
Vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Vielleicht müssen wir lernen, Punkt und Kreis zugleich zu denken. Das klingt zunächst widersprüchlich. Aber vielleicht ist gerade dieser Widerspruch produktiv.
Freiheit würde dann nicht bedeuten, dass ich von meinem Umkreis unabhängig bin. Das wäre vermutlich gar nicht möglich. Ich bin immer schon hineingestellt in Beziehungen, in eine Biografie, in eine Kultur und in eine konkrete Welt. Freiheit könnte vielmehr bedeuten, dass ich mich zu dem, was mir begegnet, innerlich verhalten kann. Eine äußere Forderung kann ich einfach erfüllen. Ich kann sie auch ablehnen. Ich kann aber ebenso fragen: Was bedeutet sie eigentlich? Was ist ihr Sinn? Was bedeutet sie für diesen konkreten Menschen? Was nehme ich wahr?
Vielleicht kann aus einer solchen Wahrnehmung etwas aufleuchten, das über die bloße Befolgung einer Regel hinausgeht. Eine Intuition. Damit ist noch keine fertige Handlung gegeben. Aber aus einer solchen Erkenntnis kann eine eigene Intention entstehen: ein eigenes Wollen, eine eigene Richtung des Handelns.
Ich nehme wahr. Ich versuche zu erkennen. Etwas kann mir deutlich werden. Daraus kann ein eigenes Wollen entstehen – eine Intention – und daraus eine Handlung.
Hier kann für uns die Anthroposophie spannend werden: als Möglichkeit, unsere Wahrnehmungen durch Denken, Fühlen und Wollen zu Intuitionskräften so zu entwickeln, dass wir uns zu der Welt, in der wir stehen, selbstverantwortlich verhalten können. Dazu braucht es aber noch einen „Zauberstoff“! Und der heißt „Interesse“. Interesse an allem was in und außerhalb von mir wirkt und lebt.
Michael: In der Sozialtherapie sind wir heute immer mehr einem Regelwerk der Teilhabevorschriften ausgesetzt: Sozialgesetzbücher, Leitlinien, Qualitätshandbücher, Dokumentation der vermeintlich erbrachten Leistungen, Medizinvergabe- und Sicherheitsvorschriften. Eigentlich haben sie ja alle ihre nachvollziehbare Berechtigung. Aber sie kommen eben von außen, vom Umkreis. Wie finden sie den Weg zu mir, zum Punkt? Wie stülpen sie sich so um, dass ich sie nicht mehr als etwas Externes erlebe, was mir aufgezwungen wird?
Wie finde ich den Sinn der Gesetzgebung des Gesellschaftsumkreises so in mir, dass sie auch meine, in Freiheit gefundene Moral und Intention und Handlung wird?
Dieser Weg wird kein leichter sein…
Tobias: Vielleicht müssen wir an dieser Stelle noch einmal genauer hinschauen. Wenn wir sagen: Hier bin ich als Punkt und dort ist mein Umkreis, dann haben wir schon eine Trennung vorgenommen. Vielleicht ist das Bild gar nicht so eindeutig:
Ich begegne der Welt. Sie wirkt auf mich. Ich nehme wahr, denke darüber nach, empfinde etwas, widerspreche vielleicht, verändere meine Sicht – und handle.
Und durch dieses Handeln verändert sich wiederum etwas in der Welt.
Die interessante Bewegung liegt gerade darin, dass Punkt und Kreis nicht einfach zwei fertige Größen sind, die nebeneinanderstehen. Ich bin nicht nur ein Punkt, der einer Welt gegenübersteht. Was mir aus dem Umkreis begegnet, wirkt in mich hinein – und was aus mir heraus entsteht, wirkt wiederum in den Umkreis zurück.
In dieser Bewegung zwischen Punkt und Umkreis liegt auch die Bedeutung von Intuition. Sie ist nicht einfach ein Gefühl und keine bloße Ahnung. Sie gehört zur Erkenntnis. Aus einer solchen Erkenntnis kann eine eigene Intention entstehen: ein eigenes Wollen, eine eigene Richtung des Handelns.
Das scheint für die Frage nach Freiheit wichtig: Eine äußere Vorschrift kann mir eine Handlung abverlangen. Aber sie kann mir nicht einfach die eigene Erkenntnis und das eigene Wollen abnehmen.
Vielleicht besteht gerade darin ein Weg von der äußeren Anforderung zur inneren Freiheit.
Michael: Wenn Ihr Euch an den Anfang des Faust erinnert: Da will Mephisto dem Gottvater den Faust madig machen und malt seine Fehler groß aus. Was antwortet da Gott, aus seinem unerschütterlichen Vertrauen in seine Schöpfung?
„Es irrt der Mensch so lang er strebt.“
Und da wollte ich ganz praktisch für die Gegenwart der anthroposophischen Sozialtherapie hin: Trauen wir uns heute noch zu irren? Pflegen wir eine echte Fehlerkultur, aus der wir Selbsterkenntnis und Fremderkenntnis üben? Überprüfen wir unsere Einrichtungsstrukturen daraufhin, ob wirklich ein Maximum an Lernfehlern möglich gemacht wird?
Welcher Geschäftsführer zuckt nicht bei dem Motto zusammen: „No risk – no fun – and no learning …“
Natürlich kann nicht jeder Fehler einfach als Lernchance bezeichnet werden. Es gibt Fehler, die Menschen schädigen. Es gibt Verantwortung und es gibt Dinge, die wir verhindern müssen. Aber wenn wir Menschen wirklich zutrauen, selbst zu handeln, dann müssen wir ihnen vielleicht auch zutrauen, sich zu irren.
Tobias: Das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein. Wenn ich nur das tue, was mir vorgeschrieben wird, kann ich mich im Zweifel auf die Vorschrift berufen. Wenn ich selbst wahrnehme, urteile und handle, kann ich mich nicht so leicht aus der Verantwortung ziehen. Ich muss mich zeigen. Und damit wird die Möglichkeit des Irrtums zu einem Risiko der Freiheit.
Das heißt nicht, dass Fehler gut sind.
Aber es bedeutet, dass eine soziale Arbeit, die möglichst jeden Fehler durch Regeln, Kontrollen und Absicherungen verhindern möchte, möglicherweise ungewollt etwas anderes verhindert: eigenständiges Handeln. Und die Möglichkeit, sich zu entwickeln.
Vielleicht brauchen wir deshalb eine Fehlerkultur, die nicht nur fragt: „Wie können wir verhindern, dass so etwas noch einmal passiert?“ Sondern zusätzlich: „Was können wir daraus erkennen?“ Was habe ich nicht gesehen? Was hat der andere erlebt? Wo war meine Wahrnehmung zu eng? Was muss ich jetzt anders machen?
Zum Scheitern gehört schließlich auch das Verzeihen. Und die Bereitschaft, immer wieder anzufangen.
Ich musste dabei an einen Satz von Samuel Beckett denken: „Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“
Vielleicht gehört dazu auch, dass wir nach einem Irrtum noch einmal hinschauen können. Nicht nur auf das, was schiefgegangen ist, sondern auf das, was wir vorher wahrgenommen und erkannt zu haben glaubten.
Der Irrtum kann deshalb an anderer Stelle liegen: in einer unvollständigen Wahrnehmung, in einer vorschnellen Deutung, in einer eigenen Vorstellung, die wir für Erkenntnis halten, oder in der Art, wie wir eine erkannte Intention in die Wirklichkeit bringen.
Um das zu erkennen – gerade auch um unsere Fehler zu erkennen – brauchen wir den anderen, den Mitmenschen als Gegenüber.
Michael: Sind wir Menschen in der Sozialtherapie uns unseres Strebens überhaupt noch bewusst? Trauen wir uns noch, gegen den Mainstream zu suchen? Streben wir überhaupt noch eine anthroposophische Wertegemeinschaft an? Oder eine andere Werteähnlichkeit? Können wir diese benennen?
Und vor allem: Gestehen wir dieses Streben auch den Menschen zu, die wir begleiten?Teilhabe heißt eigentlich auch, dass der Andere, der Assistenznehmer, mich verändern kann.
Tobias: Hier wird es für uns ganz praktisch: Wir sprechen viel von Teilhabe und Selbstbestimmung. Aber was bedeutet es wirklich, wenn ein Mensch mit Assistenzbedarf nicht nur innerhalb eines bestehenden Umkreises möglichst viel selbst bestimmen darf, sondern wenn sein eigener Punkt den Umkreis verändern darf?
Vielleicht zeigt mir ein Bewohner etwas, das ich bisher nicht gesehen habe. Vielleicht widerspricht er mir. Vielleicht tut er etwas, das meine Vorstellung von Professionalität irritiert. Vielleicht braucht er etwas anderes, als ich für richtig halte.
Und vielleicht kann sogar das geschehen, was Michael formuliert hat: Dass Bewohnerinnen und Bewohner oder Menschen mit Assistenzbedarf manchmal selbst zu Assistenzgebern für uns werden.
Dann ist Teilhabe keine Einbahnstraße: Der Kreis wirkt auf den Punkt. Aber der Punkt wirkt auch auf den Kreis.
Michael: Ich möchte diesen Frageartikel mit einem dem alten Mysteriensatz beenden:
„Mensch – erkenne Dich selbst.“
Selbsterkenntnis ist die Basis für alle historischen, heutigen und modernen sozialen Entwicklungen. Nur passiert sie eben weder nur in mir noch durch ein Regelwerk von außen. Sie braucht spannende soziale Offenheiten, Prozesse, Fehlerkultur, Rückmeldungskultur, Kulturkultur, Denkkultur, Empfindungsfreiheit und vieles mehr.
*
Tobias:* Vielleicht braucht sie vor allem den anderen Menschen. Denn ich kann mich selbst nicht vollständig aus mir heraus erkennen. Der andere kann mir etwas zeigen, das ich selbst nicht sehe. Vielleicht braucht Selbsterkenntnis den anderen Menschen nicht nur deshalb, weil er mir einen Spiegel vorhält. Mein Ich entsteht vielleicht überhaupt erst in der Begegnung.
Martin Buber hat dafür einen berühmten Satz gefunden: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Das verändert auch unser Bild vom Punkt. Der Punkt ist dann kein abgeschlossener Punkt. Er wird am Du zum Ich.
Aber wenn das so ist, dann ist auch das Du nicht einfach ein Teil meines Umkreises. Es ist Gegenüber. Es kann mir begegnen, mich irritieren, mir etwas zeigen – und dadurch kann sich auch mein eigener Punkt verändern.
Gemeinschaft beginnt dort. Nicht dort, wo viele Punkte möglichst gut zusammenpassen, sondern dort, wo sie sich gegenseitig wahrnehmen und verändern lassen.
Und vielleicht gilt das auch für die professionelle Beziehung.
Karl König formuliert das bereits 1963 sehr radikal. Im Blick auf die Arbeit mit Erwachsenen schreibt er: „Wenn wir mit [Erwachsenen] arbeiten, müssen wir den Pädagogen und den Heilpädagogen in uns überwinden …“
Das heißt ja nicht, dass wir aufhören sollen, Heilpädagogen zu sein. Wir brauchen unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere Verantwortung und unsere Professionalität. Wir müssen die professionelle Rolle dort überwinden, wo sie uns daran hindert, dem anderen Menschen wirklich zu begegnen.
Dann verlieren wir etwas von unserer professionellen Gewissheit. Wir wissen nicht mehr ganz so selbstverständlich, was für den anderen richtig ist. Wir müssen zuhören, wahrnehmen, uns irritieren lassen und vielleicht auch unsere eigene Vorstellung verändern.
Und vielleicht beginnt genau dort Gemeinschaft?
Und vielleicht wird dann auch das Verhältnis von Punkt und Kreis etwas anderes. Nicht mehr: Hier bin ich – dort ist die Welt. Sondern eine Bewegung: Ich trete aus mir heraus. Die Welt tritt mir entgegen. Ich nehme wahr. Ich versuche zu erkennen. Etwas kann mir deutlich werden. Und ich kann entdecken, dass meine Wahrnehmung unvollständig war, dass ich etwas übersehen oder meine eigene Vorstellung mit einer Erkenntnis verwechselt habe.
Dann beginnt die Bewegung von Neuem.
Vielleicht ist das die Freiheit, die wir suchen. Vielleicht ist das Gemeinschaft. Wir wissen es nicht endgültig. Aber wir können es miteinander versuchen.
Und dabei dürfen wir auch irren. Am Anfang des Faust sagt der Herr: „Es irrt der Mensch so lang er strebt.“
Und ganz am Ende des Faust II heißt es: *„Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.“*
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein ganzes Menschenleben. Vielleicht liegt darin auch etwas von dem, was wir mit Punkt und Kreis meinen: Nicht angekommen sein. Nicht die richtige Mitte gefunden haben. Sondern immer wieder in Bewegung kommen: Wahrnehmen. Erkennen. Handeln. Irren. Neu beginnen, neu interessiert beginnen.
Michael Oeder und Tobias Raedler