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Der Gänsehüter von Stockhausen

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17 Sep 2021

Der Gänsehüter von Stockhausen

Lauterbacher Anzeiger vom 17.9.2021 von Annika Rausch

Heinrich Möller hat den perfekten Job: Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht und kümmert sich um Mensch, Landschaft und Federvieh

Es hat schon etwas von „Nils Holgersson“. Oder zumindest von den „Kindern aus Bullerbü“, wenn die Gänseschar fröhlich schnatternd über die Wege des Schlossparks Stockhausen watschelt. Ein besonderes Schauspiel ist es, wenn die Tiere nach und nach in den Schlossteich hüpfen und mit flatternden Flügeln oder kapriziösen Tauchversuchen für richtigen Trubel auf der Wasseroberfläche sorgen. „So muss das sein. Ist das nicht schön?“, freut sich Heinrich Möller. Eigentlich ist er Landschaftspfleger der „Gemeinschaft Altenschlirf“, die auch Standorte in Stockhausen hat. Doch mit dem „Gänsetreiben“ hat er zusätzlich zu seinem Beruf auch sein Hobby mit aufs Schlossgelände gebracht, bei dem ihm die Mitarbeiter der Gemeinschaft gerne zur Seite stehen.

Gänsetreiben – vom Stall zum Wasser und abends wieder zurück: Das ist heutzutage nur noch sehr selten zu sehen. Warum, kann Heinrich Möller ganz klar benennen. „Ich möchte hier zeigen, wie Gänse in ihrer natürlichen Lebensform gehalten werden. Die Gänsehaltung, die heute vielerorts zu sehen ist, die taugt nämlich nichts.“ Gänse gehören ins Wasser, so lange sie wollen, ist Heinrich Möller überzeugt. „Und da reicht auch kein Planschbecken. Das muss ein richtiges Wasser sein. Natürlich 78ist das nicht überall möglich. Das ist mir auch klar. Aber 300 bis 400 Gänse in brütender Sonne auf einem Feld zu halten, ist Tierquälerei. Aber das Weidestück muss groß genug sein. Immer nur auf einer kleinen Wiese – das ist nichts, da werden die Tiere krank.“

Gänse hält Heinrich Möller, der vom Stockhäuser Schloss nur einen Steinwurf entfernt wohnt, schon seit Ende der 70er Jahre – seit sechs Jahren zusammen mit Alexander Wahl direkt in der Gemeinschaft. Doch eigentlich hat er dort als Bäcker angefangen. „Ich habe hier im Ort das Bäckerhandwerk erlernt. Und als die Gemeinschaft hierherkam, wurde ich Gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für sie eine Bäckerei aufzubauen und dort zu arbeiten.“ Das Angebot nahm er damals gerne an. „Ich durfte mir die Bäckerei so einrichten, wie ich es für gut gehalten habe. Vom ersten Tag an war das hier genau das Richtige für mich. Dieses Leben, diese Gemeinschaft, in der jeder etwas zählt. Die Leute sind sowieso für mich das Allerwichtigste. Dass es ihnen gut geht, ist das A und O. Die Arbeit wird schon irgendwie gemacht, aber als erstes kommt immer der Mensch.“ Heinrich Möller ist die Begeisterung für seinen Beruf heute immer noch deutlich anzumerken.

Mit den Jahren wechselte der „Hobby-Gänsehirte“ dann in die Landschaftspflege. „Natürlich habe ich mich erst um einen Nachfolger gekümmert. Doch mit den Obstbäumen, ich kümmere mich auch zu Hause um 300 bis 400 Bäume – genau wie hier –, da kenne ich mich aus. Das ist mein Hobby.“ Dass er bei der Gemeinschaft zum Beruf machen konnte.

Zurück zu den Gänsen: Versonnen blickt der 65-Jährige auf den See, in dem das Federvieh immer noch fleißig planscht. „Das ist immer wie eine kleine Auszeit für mich“, gibt er auf Nachfrage zu. In den Urlaub fahre er eigentlich nicht. „Ich bin mit den Gedanken dann immer hier bei der Sache. Geht es den Leuten gut? Wird sich auch um alles gekümmert?“ Da bleibe er lieber zu Hause.

Im Moment sind es Toulouser Gänse, die sich auf dem Schlossareal tummeln. Im Mai sind sie geschlüpft, und sie bleiben draußen bis zum letzten Tag, der Mitte/Ende November sein wird. Denn, das wird nicht verschwiegen, es handelt sich auch bei den Stockhäuser Gänsen um Schlachtgänse. Doch bis es soweit ist, haben sie ein Leben, um das sie vielleicht Artgenossen beneiden würden. „Wenn das richtiggemacht wird, ist das schon viel Arbeit. Das Ausmisten, das Getreide zum Füttern besorgen und selbst quetschen. Für die Abwechslung gibt es auch mal gekochte Kartoffeln, Möhren oder gekochten Reis.“ Medikamente oder Mastfutter sind tabu. Die Gänse können sich frei bewegen, bis es abends wieder in den Stall geht. Da Gänse Herdentiere sind, bleiben sie auch stets beisammen und keine geht verloren. Nur der Gärtnerei dürfen sie nicht ganz so nahekommen. „Die mögen nämlich auch Salat“, verrät Heinrich Möller lachend. „Da sind sie wie kleine Monster.“

Im Oktober wird Heinrich Möller 66 Jahre alt. „Dann habe ich 51 Jahre gearbeitet“, berichtet er mit einem wachenden Auge über seine Gänseschar. In den Ruhestand möchte er schon in naher Zukunft gehen – jedoch erst, wenn er sich sicher ist, dass ein guter Nachfolger gefunden ist. Doch nicht nur jetzt, sondern auch in seinem Ruhestand seien alle Besucher herzlich willkommen, vorbeizuschauen und sich sein „Steckenpferd“ persönlich einmal anzuschauen. Denn den Schlossteich hat er gepachtet: „Für den bin ich verantwortlich, und damit höre ich auch nicht auf.“ Und wo Wasser ist, sind auch Heinrichs Gänse zu finden. Und genau wie die Tiere können sich auch Besucher im Schlosspark frei bewegen, denn nichts ist abgesperrt. Der Park soll für alle da sein. Und wenn die Gänse nicht gerade schwimmen, sitzen sie gerne in den Alleen rund um den Teich oder grasen auf den nahen gelegenen Wiesen.

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